Nur im Team erreicht man das Bestmögliche
Handtherapeutin Anna-Lena Avenius bei der Behandlung einer Patientin
© Physiotherapie Avenius

Der letzte Beitrag unserer Reihe von Experteninterviews zur Anwendung der AnyHand in Handtherapie-Praxen. Seit der CE-Zertifizierung im Mai konnten wir sieben Teststellungen durchführen – glücklicherweise bevor die zweite Corona-Welle aktuell weitere Produkt-Tests verhindert. Anna-Lena Avenius, Physiotherapeutin mit Handschwerpunkt, berichtet von den ersten Patientenanwendungen, Indikationen und der Zusammenarbeit zwischen ärztlicher und therapeutischer Seite.

Vor wenigen Wochen fand auch in deiner Handtherapie-Praxis eine Teststellung mit der AnyHand statt. Wie war dein Eindruck?

Ich habe mich sehr auf den Termin gefreut! In der Entwicklungszeit habe ich immer stückweise die nächsten Schritte mitbekommen. Die Idee eines Handtherapie-Roboters war schon sehr spannend, aber dass es tatsächlich auch in der Praxis funktioniert, ist beeindruckend! Mit Pascal vor Ort hatten die Patient*innen die Möglichkeit, direkt mit einem der Köpfe der AnyHand zu sprechen. Sie waren wirklich begeistert und auch im Nachhinein kam sehr positives Feedback. Viele haben gefragt: „Und? Haben Sie das jetzt in der Praxis?“ Was es sonst so auf dem Markt gibt, hat mich als Therapeutin nie überzeugt, aber eure AnyHand ist die Umsetzung dessen, was vorher als Ideal-Konzept entwickelt wurde. Ich hatte auch einen Patienten mit einer Amputationsverletzung einbestellt, weil ich die AnyHand gerade bei solchen komplexen Verletzungen sehen wollte. Und siehe da: es hat perfekt funktioniert! Bei diesem Patienten würde es besonders Sinn machen, seine Hand mit der AnyHand aufzuwärmen und dann intensiver in der hands-on Therapie zu arbeiten.

Nur im Team erreicht man das Bestmögliche
Bei der Teststellung in Anna-Lena Avenius' Praxis testete auch ein Patient mit Amputationsverletzung die AnyHand.

Siehst du die AnyHand generell im Einsatz als Warm-up vor der Physiotherapie?

In der Physiotherapie haben wir meistens nur 20 Minuten pro Sitzung. Wenn Patient*innen schon vorher 10 Minuten von der AnyHand durchbewegt werden, kann ich meine 20 Minuten viel effektiver einsetzen. Das kommt den Patient*innen sehr zugute.

Bei welchen Handverletzungen hast du die AnyHand an diesem Test-Tag eingesetzt?

Es war ein großes Spektrum dabei: Amputations- und Quetschverletzungen, Replantationen[1], Strecksehnenverletzungen. Gerade die Replantation ist eine sehr komplexe Angelegenheit, weil alle Strukturen von Weichteilgewebe über Sehnen, Gefäße, Nerven und Knochen verletzt sind. 

Für welche weiteren Indikationen kannst du dir die AnyHand noch vorstellen?

Da die AnyHand so individuell eingestellt werden kann, eignet sie sich eigentlich für alle Verletzungen, sobald die Wundverhältnisse es zulassen. Genauso ist es aber auch möglich, einzelne Finger, die noch nicht bewegungsstabil sind, auszulassen. Die AnyHand ermöglicht so sehr individuell, ob und wie weit jeder einzelne Finger bewegt wird.

Gibt es Indikationen, die besonders das andauernde Durchbewegen benötigen?

Da sind vor allem die Sehnenverletzungen zu nennen. Die genähte Sehne ist eine empfindliche Struktur, die nicht gleich wieder belastet werden kann. Mangels Bewegung ergibt sich aber häufig das Problem, dass die heilende Sehne mit dem umliegenden Gewebe verklebt. Oft muss in einem solchen Fall die verklebte Sehne operativ wieder gelöst werden. Man nennt das Tenolyse. Patient*innen nach einer solchen OP werden angehalten, möglichst den ganzen Tag ihren Finger zu bewegen. Da wäre die AnyHand ein hervorragendes Werkzeug. Neben der passiven ist die assistive Bewegung ein gutes Therapieelement, bei dem die Patient*innen mit eigener Kraft mithelfen müssen. 

Auf deiner Website sprichst du von der Wichtigkeit der engen Zusammenarbeit mit den Handchirurg*innen. Wie kann man sich die Kommunikation mit den Ärzt*innen im Alltag vorstellen?

Ich war viele Jahre in einer Klinik tätig: dort war es sehr einfach, mit den Ärzt*innen in Kontakt zu treten. Die Absprache mit der ärztlichen Seite ist für uns Therapierende wichtig. Wenn während einer Behandlungsserie Themen aufkommen, die nur mit dem Arzt oder der Ärztin geklärt werden können, telefoniert man sich zusammen. Handchirurgie ist wie eine große Familie, weil es doch eine Nische ist, in der man sich untereinander kennt. So entsteht eine sehr gute Zusammenarbeit. Alle Seiten wollen das Bestmögliche für die Patient*innen herausholen und das geht nur im Team.

Das sehen wir genauso! Daher arbeitet LIME daran, ein integriertes Ökosystem aufzubauen, in dem alle Akteur*innen in der Handtherapie miteinander vernetzt werden. Deine Praxis arbeitet physiotherapeutisch. Die meisten Handtherapie-Praxen sind aber der Ergotherapie zuzuordnen. Worin liegt der Unterschied?

Egal ob Physio oder Ergo, legt man eine handtherapeutische Zusatzausbildung ab. Man stellt sich unter dem Begriff „Handtherapeutin“ dann vor, dass man Handverletzte komplett betreuen kann. Bisher kann aber kein Rezept für Handtherapie ausgestellt werden. Noch nicht – wir wünschen uns das. Verschrieben wird also entweder Physio- oder Ergotherapie. Beide Berufsgruppen haben hier ihre Spezialgebiete. Nehmen wir als Beispiel einen Handwerker mit Handverletzung. Bei mir als Physiotherapeutin arbeiten wir zum Beispiel am Bewegungsradius seiner Finger. In der Ergotherapie lernt er, wie er trotz seiner vielleicht bestehenden Bewegungseinschränkung mit Werkzeug arbeiten und eine Schraube in die Wand drehen kann. Auch wenn er dafür ggf. Hilfsmittel braucht, ist die Ergotherapie zuständig.

Durchläuft der Patient also immer Physio- und Ergotherapie?

Das entscheiden die behandelnden Ärzt*innen. Manchmal kann ein Patient beide Berufsgruppen besuchen, aber bei Weitem nicht immer. Berufsunfälle erhalten generell mehr Therapie, da ist das eher möglich. Natürlich kommt es auch auf die Komplexität der Verletzung an. Bei einer schweren Schnittverletzung mit Beteiligung von Sehnen, Nerven, Gefäße und Knochen werden häufiger beide Berufsgruppen eingeschaltet.

Die Entwicklung der AnyHand konntest du ja ein wenig mitverfolgen. Wie sieht dein Blick in die Zukunft der AnyHand aus?

Ich hoffe, dass die AnyHand sich gut etabliert, dass viele Praxen und Kliniken sich dafür entscheiden und diesen Schritt wagen. Denn ich glaube, es ist eine hervorragende Möglichkeit, die Handtherapie zu unterstützen. So können Handverletzte noch schneller noch bessere Ergebnisse erzielen. Ich habe mich sehr gefreut, die ganze Entwicklung ein Stück weit mit begleiten zu können. Als Therapeutin wird man mit Werbung überschüttet, aber die meisten Dinge sind nicht umsetzbar oder nicht auf alle Patient*innen anwendbar. Deshalb muss ich sagen: Da ist euch etwas Hervorragendes gelungen, das fantastisch funktioniert und ich bin 100% von der AnyHand überzeugt.

Zur Person

Anna-Lena Avenius legte 2009 in der BG Unfallklinik Ludwigshafen ihr Examen zur Physiotherapeutin ab. Da die Unfallklinik über die Abteilung Handchirurgie verfügt, kam sie schon während ihrer Ausbildung mit der Handtherapie in Kontakt. Die akkurate Koordination der feinen Strukturen der Hand faszinierte sie von Anfang an. Nach Abschluss ihrer Ausbildung war sie zwei Jahre in einer Praxis tätig, kam danach aber zurück in die Klinik. 2013 schloss sie ihren Bachelor in Gesundheitsmanagement ab. Sie übernahm 2017 eine Praxis mit dem Schwerpunkt Handtherapie und schied im letzten Jahr schließlich aus der Unfallklinik aus, um sich auf ihre Praxis in Hockenheim zu konzentrieren. Dort motivieren sie die Erfolge ihrer Patient*innen: Es entstehen besondere Glücksmomente, wenn alltägliche Handlungen nach einer Handverletzung wieder möglich werden. Seit 2016 ist sie Handtherapeutin nach den Richtlinien der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Handtherapie (DAHTH). Dort sitzt sie auch im Vorstand und koordiniert den Fachausschuss Weiterbildung.   

Nur im Team erreicht man das Bestmögliche
Physio- und Handtherapeutin Anna-Lena Avenius © Physiotherapie Avenius

[1] Operatives Anfügen eines zuvor bei einem Unfall amputierten Fingers.