Ein Gespräch mit Dr. Eric Hanke, Handchirurg in der Uniklinik Mainz, über Entwicklungspotenzial bei der Nachbehandlung von Handverletzungen

Das Team sitzt im Besprechungsraum, das Handy ist auf Aufnahme gestellt, stilles Mineralwasser plätschert in die Gläser. Es klingelt. Dr. Hanke steht vor der Tür – Fahrrad-Schuhe, Karo-Shorts, Helm in der Hand. „Cool, jetzt bin ich endlich mal bei euch in Mainz!“

Nach einer Kurz-Führung durch die neuen Büroräume mit Kaffee in der Hand geht es zum Team-Raum. „Jetzt muss ich euch aber erst noch was erzählen“ – Dr. Hanke berichtet von seinen neusten Erlebnissen aus der Uniklinik und  empfiehlt uns kulinarische Teambuilding-Events für den nächsten Firmenausflug.

Das Interview beginnt mit den Anfängen der Zusammenarbeit: „2014 habe ich eine Mail von Pascal bekommen, er wollte mir seine Roboterhand zeigen und daraus eine Prothese machen.“ Einen medizinischen Bedarf sieht Dr. Hanke aber eher in der Therapie als in der Entwicklung einer neuen Prothese.

„Wir haben hier wenige mit Amputationsverletzungen, das kommt in Kriegsgebieten viel häufiger vor. Aber hier sehe ich in meiner Sprechstunde ganz andere Bedürfnisse. Es fehlt an der Nachbehandlung. Gerade gestern hat ein Assistenzarzt nach der OP zu mir gesagt: ‚Jetzt bräuchte man etwas, das die Hand dauernd durchbewegt.‘ Nachbehandlung ist so elementar. Da kannst du so gut operieren wie du willst, wenn die Nachbehandlung nicht ausreichend ist, weil die Therapeuten überlastet sind, ist das Ergebnis nach einigen Wochen oder Monaten einfach nicht gut.“

Es fehlt an Man Power – es gibt nicht genügend Physiotherapeuten, die die Patienten nachversorgen können. Abgesehen davon ist es gerade für ältere Patienten, die weniger mobil sind, schwierig zur Therapie in eine Praxis zu kommen. „Hier sehe ich das Potenzial eurer Handtherapie-Schiene.“

Da die Hand sehr komplexe Bewegungen ausführt und viele Gelenke auf kleinem Raum besitzt, ist die Konstruktion eines Therapie-Geräts sehr aufwändig. Aus diesem Grund fehlt auf dem Markt ein Produkt, das die Gelenk-Achsen der Finger in einer natürlichen Bewegung führt. Da die AnyHand elektromechanisch arbeitet, ist eine sehr präzise Steuerung möglich, die den feinen Bewegungen unserer Hand entspricht. Außerdem: „Das Gerät sollte tragbar sein, um es alltagstauglicher zu machen. Wie soll ich sagen, die AnyHand ist klein und filigran und damit überall und für jeden anwendbar.“

Eine kurze Unterbrechung für den zweiten Kaffee. „Manche Tage sind so stressig, dass ich keine Zeit zum Essen habe…“ Ein Schokoriegel schafft erst einmal Abhilfe, auch wenn es Dr. Hanke eher nach etwas Deftigem gelüstet.

Die OP-Geschichten, mit denen uns Dr. Hanke schon zu Anfang des Gesprächs unterhalten hat, sind elementar für die Zusammenarbeit mit den Gründern: „Im OP und in meiner Handsprechstunde sehe ich die Lücken aus medizinischer Sicht. Ein Patient hatte nach einem Bruch starke Verklebungen im Fingergelenk, sodass das Beugen nicht mehr möglich war. Ich habe mich nach langem Überlegen für eine zweite OP entschieden, da er noch jung ist. Noch während der OP konnte ich dem Patient zeigen, wie gut der Finger jetzt wieder beweglich ist. Heute, sechs Wochen später, war er bei mir – der Finger ist wieder steif. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit einem Gerät für zu Hause mehr Erfolg gehabt hätten. Solche Geschichten erzähle ich, und die beiden hier können als Konstrukteure sagen, was man so oder anders oder auch gar nicht umsetzen kann. Davon lebt unsere Kommunikation. Die beiden stellen gute Fragen und es ist meiner Meinung nach ein Vorteil, dass sie nicht aus der Medizin kommen, nicht medizinisch vorbelastet sind. So gehen sie neue Wege, die andere als unmöglich abtun. Das sind zwar manchmal auch Irrwege, sie entdecken aber auch dabei ständig neue Möglichkeiten.“ Am nächsten Tag soll er die Hand eines verunglückten Motorradfahrers mit künstlichen Gelenken versorgen. Dass das heute möglich ist, ist schon eine große Errungenschaft. „Aber das anschließende Training mit einer elektromechanischen Orthese – das ist noch Zukunftsmusik. Und genau das macht die beiden heiß.“

Mit einer OP gehen immer Risiken für den Patienten einher, etwa Infektionen oder Komplikationen bei der Narkose. Vor und nach der Operation wenden Arzt und Physiotherapeut viel Zeit und Mühe auf, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Doch gerade das Training zu Hause stellt eine so große Lücke dar, dass das Outcome oft nicht zufriedenstellend ist. Auch außerhalb der Praxis müssen Patient und Therapeut in Kontakt stehen, um die Übungen zu intensivieren und die Fortschritte zu halten. Durch die AnyHand soll die Therapie nicht nur alltagstauglicher, sondern auch motivierender werden. Die angekoppelte App setzt dem Patient spielerisch Anreize und zeigt ihm z. B. auf, welcher Bewegungsumfang bei gutem Training möglich ist. Da das Gerät ständig Daten aus den Übungen gewinnt, die der betreuende Physiotherapeut einsehen kann, können die Maßnahmen individuell angepasst werden. „Ein Gerät für die Allgemeinheit, aber trotzdem sehr individuell – da können wir alleine mit Man Power so nicht drauf eingehen.“

Technik macht's möglich – das funktioniert aber nicht in allen Bereichen. „In Frankfurt hat man einen Roboter für Hüft-OPs eingesetzt. Aber die OP-Zeit war länger, das Ergebnis nicht besser und es gab technische Komplikationen. Daher sehe ich für die Chirurgie eher Entwicklungspotenzial in Sachen Material und dessen Anwendung. Da zählt es, Erfindergeist zu haben! Müssen wir überhaupt alles operieren? Wer weiß, vielleicht können wir mit einer intelligenten, gut sitzenden Orthese so manche OP umgehen.“

Als nächstes bitten wir Dr. Hanke, von seinem Werdegang zu erzählen. Er schmunzelt. „Zur Person? Na, ich bin Handchirurg.“  Es ist der Spaß an der Rekonstruktion – daher wusste er nach seiner Zeit als Zivi im Rettungsdienst schnell, dass seine medizinische Laufbahn über die Unfallchirurgie gehen muss. Nach dem Studium verbringt er das Praktische Jahr in Brasilien und wird dann an der medizinischen Hochschule Hannover angenommen. Seine Promotion in Berlin beschäftigt sich zunächst mit Hüftprothesen, doch seine Faszination gilt den Händen. Nach der Allgemeinchirurgie-Ausbildung in Mainz bildet er sich zum Unfallchirurgen und schließlich zum Handchirurgen weiter. „Wenn ich zwischen den ganzen Händen auch mal eine Hüfte operieren kann, ist das eine willkommene Abwechslung zu Lupenbrille und Feinmechanik.“ Was motiviert einen dazu, einen so langen Ausbildungsweg zu gehen? „Der Spaß ist der Antrieb.“ Die Herausforderungen aus der Unfallchirurgie, die filigrane Handarbeit (im wörtlichen Sinne) und der ständige Fortschritt der Medizin, den er auch bei LIME erlebt – so übersteht Dr. Hanke so manchen langen Tag in der Handchirurgie.

Das Gespräch endet fast schon philosophisch und mit einem Querverweis zu Leonardo da Vinci als Universalgenie. „Wenn du nicht anfängst zu laufen, neue Wege einzuschlagen, brauchst du gar nicht nach vorne schauen im Leben. Einfach mal loslegen. Oder?“

 

© Foto: Universitätsklinikum Mainz

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