Im Oktober fand eine Teststellung der AnyHand in der Praxis von Handtherapeutin Beate Jung und ihrem Team in München statt. In unserem Interview geht sie auf die Wichtigkeit der Patientenbildung und die Einsatzmöglichkeiten der AnyHand ein.

"Der Patient muss zum Experten für seine Hand werden"
Die AnyHand im Praxistest

Als erstes eine Frage zu deiner Berufswahl: Warum bist du Handtherapeutin?

Als ich 1992 mein Examen zur Ergotherapeutin ablegte, war die Handtherapie in Deutschland gerade im Aufbau. In den USA war die Therapie der Hand bereits seit 1977 eine eigene Disziplin innerhalb der Ergo- und Physiotherapie, daran habe ich mich in den ersten Jahren orientiert. Hände fand ich schon immer spannend, weil sie hochspezialisiert und unglaublich vielseitig einsetzbar sind. Wir alle brauchen unsere Hände, um unseren Alltag meistern zu können. Die Bandbreite an Betroffenen ist enorm, es sind alle Altersgruppen mit verschiedensten Diagnosen vertreten; Erkrankungen wie auch Verletzungen. Die Berufe reichen vom Bauarbeiter über die Pianistin bis zum Chirurgen, aber auch Sportverletzungen und kindliche Handfunktionsstörungen spielen eine große Rolle. Zur weiteren Spezialisierung legte ich 2012 das Examen zur zertifizierten Handtherapeutin nach den Richtlinien  der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Handtherapie (DAHTH) ab.

Wie empfindest du die Zusammenarbeit mit den Patient*innen?

Ich lege größten Wert auf die intensive und individuelle Zusammenarbeit mit den Patient*innen. Je besser die Aufklärung, je mehr ich als Handtherapeutin die Person einbinde und ihr erläutere, welche Strukturen betroffen sind und welche Maßnahmen wir ergreifen können, desto mehr motiviere ich die Menschen, weil sie merken: Sie können selbst aktiv zur Verbesserung beitragen. Ich finde es sehr wichtig, dass die Patient*innen wissen, welche genaue Diagnose und welches Problem an ihrer Hand besteht. Ich bin der Meinung: „Der Patient muss zum Experten für seine Hand werden“. Je mehr die Betroffenen wissen, welche Funktionsstörung besteht und mit welchen handtherapeutischen Techniken diese verbessert werden kann, desto adäquater können sie mitarbeiten. Deshalb finde ich es auch wichtig, nicht zu vermitteln: „Ich werde eine halbe Stunde durchbewegt und dann geh‘ ich wieder nach Hause.“

Wie ist der Kontakt mit LIME entstanden?

Pascal ist auf den Therapiekongressen der DAHTH mit mir in Kontakt getreten und war mehrfach bei mir in der Praxis, um gemeinsam zu überlegen, welche Anforderungen ein solches Gerät hinsichtlich Funktionsweise und Handling erfüllen muss. Schnell war klar: Die Bedienung muss möglichst einfach und intuitiv sein und wenig Zeit beanspruchen. Durch die frühzeitige Einbindung von erfahrenen Handtherapeut*innen wurde das Gerät von dem engagierten Team entsprechend dem Therapiebedarf stets weiterentwickelt.

Was war dein Eindruck bei der Teststellung?  

Die AnyHand erfüllte im Praxistest nahezu alle Anforderungen: Eine Handschablone hilft, die Größe der Hand abzulesen und das Gerät richtig einzustellen. Anatomisch günstig ist die seitliche Führung jedes einzelnen Fingers, der Drehpunkt ist gelenknah und dadurch die Belastung auf das jeweilige Gelenk sehr gering. Bei Rotationsfehlstellung eines Fingers oder nach Amputation können einzelne Finger bei der Einstellung ausgespart werden. Die AnyHand wurde von Patient*innen mit verschiedenen Diagnosen und aus unterschiedlichen Altersgruppen getestet. Die einhellige Rückmeldung war, dass das Gerät einfach im Handling sei und sie sich eine ergänzende Heimanwendung gut vorstellen könnten. Im Gespräch mit einer Patientin haben Pascal und ich darüber hinaus festgestellt, dass in Zukunft die Bewegungsebene des Daumens in die Außenrotation eine sinnvolle Erweiterung sein könnte.

"Der Patient muss zum Experten für seine Hand werden"

Welche Einsatzmöglichkeiten siehst du für die AnyHand?

Ich kann mir die AnyHand sehr gut als Ergänzung und Erweiterung der Therapie vorstellen. Wichtig ist die genaue Bedarfsanalyse durch die Handtherapeut*innen, u.a. Berücksichtigung von temporären Arthrodesen[1] oder Heilungsphasen der betroffenen Strukturen z.B. nach Osteosynthesen[2] oder Sehnennaht. Ich sehe nicht nur die Prävention von Fingergelenksteife als Einsatzbereich der AnyHand, sondern auch die Mobilisation der Gelenke als Vorbereitung einer geplanten Operation beispielsweise vor einer Tenolyse[3].

In meiner Praxis erlebe ich oft, dass manche Patient*innen zu Beginn der Therapie verunsichert sind, wie weit sie ihre betroffenen Finger beüben dürfen. Daher ist es äußerst wichtig, dass die Therapierenden die AnyHand exakt einstellen und dies gemeinsam mit den Patient*innen ausprobieren. So gelingt es den Behandelten anschließend auch leichter, ihre Hand zu entspannen, denn sie wissen, dass die Bewegung des Gerätes genau dort endet, wo der Bewegungsradius zuvor eingestellt wurde.

Könnte die AnyHand auch zum Aufwärmen vor und nach der manuellen Therapie eingesetzt werden?

Vor der Therapie führe ich zuerst immer einen Sichtbefund durch: Gerade morgens nach dem Aufstehen ist die Hand noch steif und weniger beweglich als sie es vielleicht am Vortag war. Daher würde ich die AnyHand besonders dann einsetzen, wenn bereits mit der manuellen Therapie eine höhere Beweglichkeit erzielt wurde und dieses neue Bewegungsausmaß anschließend weiter trainiert werden soll.

Würdest du zur Aufrechterhaltung des Bewegungsradius den selbständigen Gebrauch des Gerätes zu Hause empfehlen?

Ja, allerdings nur in Kombination mit der Therapie in der Praxis oder zur Sicherung des Ergebnisses nach Abschluss der Therapie. Mindestens ein oder zweimal pro Woche muss die Therapie in der Praxis vorgenommen werden. Die Handtherapeut*innen können in der individuellen Behandlung stets variieren und den Bewegungsradius dem jeweiligen Zustand anpassen. Dementsprechend kann die Einstellung der AnyHand dann adaptiert werden. Fest steht: Wer zu Hause trainiert, sichert auch zwischen den Therapiesitzungen den Erfolg der Behandlung und verhindert so Rückfälle.

Welche Rolle spielt für dich die Dokumentation der Therapiefortschritte?

Wir verwenden standardisierte Messgeräte, zum Beispiel das Dynamometer für die Handkraft oder das Goniometer für die Winkelmessung der Gelenke. So dokumentieren wir nicht nur Behandlungsfortschritte, wir legen auch messbare Therapieziele fest. Das ist für die Patient*innen sehr motivierend: Sie sehen den Erfolg und können besser abschätzen, wo sie sich auf dem Weg zur Heilung befinden und welcher Weg noch vor ihnen liegt. Die Dokumentation der Messdaten aus der AnyHand wäre hierbei eine optimale Ergänzung.

Zur Person

"Der Patient muss zum Experten für seine Hand werden"
© ergo jung

Beate Jung schloss 1992 ihre Ausbildung zur zertifizierten Ergotherapeutin an der staatlichen Berufsfachschule in München ab. Sie ist Gründungsmitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Handtherapie (DAHTH), deren Vorsitz sie zwei Jahre innehatte. 1999 trat sie ein „Handtherapy Fellowship“ in Houston, Texas, an und absolvierte in der Folge Praktika in Sacramento und San Francisco.

Die dort gewonnenen Kontakte konnte sie während ihrer Tätigkeit als internationale Delegierte der DAHTH ausbauen und dadurch namhafte Referenten u.a. für den internationalen Kongress der IFSHT/DAHTH 2019 in Berlin gewinnen. Beate Jung ist Fachbuchautorin und Referentin auf nationalen und internationalen Kongressen. Vor acht Jahren gründete sie ihre eigene Praxis in München, die auf Handtherapie spezialisiert ist. Als Dozentin für die DAHTH ist es ihr ein Anliegen, die Aus- und Weiterbildung in der Handtherapie zu fördern.


[1] Vorübergehende operative Fixation eines Gelenkes, z.B. durch Kirchnerdraht

[2] Operatives Zusammenfügen eines gebrochenen Knochens, z.B. mittels Schrauben oder Platten

[3] Operatives Lösen von Sehnenverwachsungen zur Widerherstellung des Sehnengleitens